Plenumsveranstaltungen A - Mittwoch, 26.06.2013: 15.00 - 17.00

Plenumsveranstaltung A1: Geschlechterungleichheiten im (trans-)nationalen (Neu-)Ordnungsprozess

Plenumsveranstaltung A1:
A1 – Geschlechterungleichheiten im (trans-)nationalen (Neu-)Ordnungsprozess

 

Zeit: Mittwoch, 26.06.2013: 15.00 – 17.00
Ort: UniS A022
Organisator/en: Dr. Marina Richter, PD Dr. Renate Ruhne
Chair: Dr. Marina Richter, PD Dr. Renate Ruhne

 

 

Beitrag 1:

Trabajo digno/Decent Work.

Care Work, Subsitenzwirtschaft und Finca-arbeit im Borderland Südmexikos.

 

 

Referent/in: Prof. Dr. Elisabeth Tuider
Organisation:

Universität Kassel

 

Abstract:

Im Vortrag werden die Auswirkungen, die (Trans)Migrationsprozesse auf die Geschlechterordnungen und die soziale Positionierung von Frauen haben können anhand empirischer Beispiele aus den Borderregionen Mexikos diskutiert. Ziel ist es, den diskursiven Verflechtungen von Gender- und (Trans)Migrationsregimen nachzugehen sowie den (Neu-)Ordnungen, den Ent- und Re-Normierungen von Geschlechterungleichheiten im Transmigrationskontext nachzuspüren. Mit Blick auf das oben dargestellte Paradox von Arbeit in den mexikanischen Grenzregionen einerseits und mehrfacher (z.T. gewaltvoller) Marginalisierung in diesen Arbeits- und Migrationssettings andererseits werde ich in meinem Vortrag folgende Fragen verfolgen: Welche Verschiebungen von Geschlechterordnungen ergeben sich durch die Migrationen (sowohl von Männern als auch von Frauen)? Wie organisiert sich das mehrfach ausgebeutete Subjekt „alleinerziehende, indigene Migrantin vom Lande"? Welche spezifischen Faktoren und regionalen Kontexte müssen bei der Beantwortung der Frage nach Empowerment oder Refeminisierung beachtet werden?
Dabei werde ich die These erhärten, dass bei der Analyse von (Trans)Migrationen in den mexikanischen Grenzregionen sowohl eine Vervielfältigung von Wanderungen und eine Entgrenzung und Enträumlichung von Lebensformen und Biographien offensichtlich wird, dass aber auch die machtvollen Migrations- und Grenzregime wirksam sind und damit Handlungsmöglichkeiten, Ressourcen und Arrangements hinsichtlich Genderpositionen und der Geschlechterordnung festlegen. Weiter werde ich auch die These erhärten, dass sich im (Trans)Migrationsraum Mexiko einerseits für die auf den Kaffeefincas und in die Care-Work Migrierten neue Gestaltungsräume eröffnen und die bisherige Geschlechterordnung dabei erodieren kann. Andererseits können sich auch im Kontext von Arbeit und Transmigration geschlechtsspezifische Zuschreibungen und Muster reproduzieren, wie es sich am Beispiel des Landesrechtes von Frauen zeigen lässt.

 

 

 

Beitrag 2:

Geschlecht und nationale Herkunft als Faktoren für neue (Un)gleichheiten im Schweizer Arbeitsmarkt

 

 

Referent/in: PD Dr. Yvonne Riaño
Organisation:

Universität Bern

 

Abstract:

Im Rahmen globalisierter Räume und zunehmend globalen Migrationsbewegungen haben sich in der Schweiz neue Formen von sozialen Ungleichheiten zwischen migrierten und nicht migrierten Frauen und Männern gebildet. Je nach Herkunft bzw. Nationalität erleben Frauen und Männer Benachteiligungen am Arbeitsmarkt in verschiedener Weise und Intensität. Bis heute gibt es in der Schweiz kaum umfassende und differenzierte Studien, die sich aus vergleichender Perspektive mit folgenden Fragen befassen: Was sind Unterschiede zwischen migrierten und nicht migrierten Frauen und Männern bezüglich ihrer Position im Schweizer Arbeitsmarkt? Welche unterschiedlichen Erfahrungen machen migrierte und nicht migrierte Frauen und Männer wenn sie versuchen, sich im schweizerischen Arbeitsmarkt zu positionieren? Der Beitrag basiert auf ersten Resultaten einer NFP60-Studie über berufliche Benachteiligungen in der Schweiz im Lichte von Geschlecht und Ethnizität. Aus theoretischer Sicht orientiert sich die Studie an den Konzepten von Intersektionalität, Gender Culture und Economic Citizenship. Aus empirischer Sicht werden die formulierten Fragen aus quantitativer und qualitativer Perspektive angegangen. Basierend auf der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung 2008 (SAKE) zielt die quantitative Studie auf eine deskriptive und statistisch repräsentative Übersicht über die Vielfalt (un)gleicher Situationen von migrierten und nicht migrierten Frauen und Männern in der Erwerbs- und Familienarbeit. Die qualitative Studie setzt sich zum Ziel, den Prozessen nachzugehen, die zu solchen (Un)gleichheiten führen können. Die Methoden der Datensammlung bestehen aus berufsbiographischen Interviews (mit 80 Personen in 13 Schweizer Kantonen), partizipativen MINGA-Workshops (mit 30 Personen in Bern und Basel), und ExpertInnen-Interviews. Die berufsbiographischen Interviews wurden mit beiden Partnern eines Haushalts geführt. Alleinerziehende Eltern wurden auch ins Sample aufgenommen. Weiter wurden Kontrollinterviews mit Paaren ohne Kinder durchgeführt. Die befragten Personen haben eine tertiäre oder eine Berufsausbildung absolviert und waren in den meisten Fällen älter als 40 Jahre.

 

 

 

Beitrag 3:

Geschlechterungleichheit durch Integrationsmassnahmen: Soziale Positionierungen in Schweizer Arbeitsintegrationsprogrammen für Zugewanderte

 

 

Referent/in: Susanne Bachmann
Organisation:

Universität Bern

 

Abstract:

Der Beitrag beleuchtet geschlechtsspezifische Implikationen von Integrationsmassnahmen für Zuge-wanderte in der Schweiz und fragt danach, wie die Programme die Handlungsoptionen der Teilnehmenden strukturieren. Hierfür analysiert der Beitrag exemplarisch die institutionellen Handlungs- und Deutungslogiken in vier Programmen zur verbesserten Arbeitsmarktintegration von Zugewanderten in der Deutschschweiz.
Anhand der vier Fallstudien beschreibt der Beitrag, wie Geschlecht in Integrationsprogrammen für Migranten und Migrantinnen auf ambivalente Weise wirksam wird: Die Programme sind vorrangig auf geschlechtsneutrale und flexible Marktteilnehmer ohne Betreuungspflichten ausgerichtet, was ungelöste Widersprüche aufwirft. So wird die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und unbezahlter Betreuungsarbeit als eigenständig zu lösendes Problem den Individuen überlassen.
Zwar setzen sich die Programme das Ziel, insbesondere Frauen in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Gleichzeitig beurteilen die Programmleitenden Männer teilweise als geeigneter für die Programmteilnahme, da sich ihnen die Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht stellen würde. Das führt zu einer Rekrutierungspraxis, die bevorzugt Männer selektioniert. Defizitäre Vorstellungen von migrierten Frauen stützen diese geschlechtsspezifische Teilnahmeselektion.
Diese Dynamik wird verschärft durch die Verknappung von öffentlichen Geldmitteln in Krisenzeiten: Da ein Druck zur Ökonomisierung der Programmangebote besteht, müssen sich die Integrationspro-gramme verstärkt an der raschen Vermittelbarkeit der Teilnehmenden orientieren, was flexibel verfügbare Arbeitskräfte verlangt.
Der Beitrag liefert durch die Dokumentation der inhärenten geschlechtsspezifischen Leitbilder und Vorstellungen in Integrationsprogrammen empirisch fundierte Hinweise darauf, inwiefern soziale Ungleichheiten beim Zugang zu Ressourcen durch sozialstaatliche Politiken reproduziert oder modifiziert werden.

Bibliographie:

Bachmann, Susanne; Riaño, Yvonne. 2012. Emanzipation von oben: Symbolische Qualitäten des Schweizer Integrationsrechts. In: Juridikum - Zeitschrift für Kritik, Recht, Gesellschaft, H. 4: 496-504.

Bachmann, Susanne. 2013. Kampf um Teilhabe: Geschlechtsspezifische Implikationen der Gesetz-gebung im Bereich der Integration von Zugewanderten. In: Estermann, Josef (Hg.): Der Kampf ums Recht. Akteure und Interessen im Blick der interdisziplinären Rechtsforschung. Münster: Lit: 209-229.

 



 

 

Beitrag 4:

(Un-)Gleichheit durch Gleichstellungsmassnahmen? Folgen der aktuellen betrieblichen Geschlechtergleichstellungspolitik der Schweiz in zwei Arbeitsorganisationen

 

 

Referent/in: Lucia M. Lanfranconi
Organisation:

Universität Fribourg und FernUniversität in Hagen

 

Abstract:

Der Beitrag beleuchtet die Chancen und Risiken der aktuellen schweizerischen Gleichstellungspolitik für die soziale Ungleichheit in Arbeitsorganisationen. Mittels einer Diskursanalyse von Dokumenten und Interviews aus zwei Betrieben, die an einem typischen Gleichstellungsprojekt teilgenommen haben, wird untersucht inwiefern dadurch soziale Ungleichheiten aufgehoben oder (re-)produziert werden. Aktuelle Gleichstellungsprojekte zeichnen sich durch ihre Orientierung an Arbeitgebenden und nicht etwa an diskriminierten Arbeitnehmenden aus. Um die Unternehmen zur Mitarbeit zu motivieren wird oft mit dem Nutzen von Gleichstellungsprojekten für die beteiligten Unternehmen und kaum mit dem Gleichstellungsgesetz oder Gerechtigkeitsüberlegungen argumentiert.
Die Resultate zeigen, dass durch den dominierenden Diskurs der aktuellen betrieblichen Gleichstellungspolitik soziale Ungleichheiten gleichzeitig aufgehoben und (re-)produziert werden: Durch die Ausrichtung der Gleichstellungspolitik an den Interessen der Arbeitgebenden wird ein erhöhtes Engagement der Unternehmen mit positiven Auswirkungen auf die betriebliche Geschlechtergleichheit erreicht. Gleichzeitig legitimieren beispielsweise die im Gleichstellungsprojekt vorgebrachten Flexibilitäts- und Nutzenargumente, nur für "gewisse Mitarbeitende individuelle Lösungen" zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen. Meist handelt es sich bei den Nutzniessern um qualifizierte Mitarbeitende oder um "Mitarbeitende, die im Betrieb qualifiziert werden können", womit soziale Ungleichheiten in Bezug auf den Qualifikationsstatus perpetuiert werden. Durch die Interaktion des Flexibilitäts- und Nutzenargumentes mit den im Betrieb vorherrschenden Geschlechtervorstellungen werden auch Geschlechterungleichheiten verstärkt. Werden "leitende Angestellte" beispielsweise als männlich konstruiert, profitieren Frauen tendenziell weniger von "individuellen Lösungen", weil davon ausgegangen wird, dass diese im Betrieb eher nicht weiter qualifiziert werden können.

 
 

Plenumsveranstaltung A2: »Öffentliche Soziologie« und das Problem der Ungleichheit

Plenumsveranstaltung A2:
A2 – »Öffentliche Soziologie« und das Problem der Ungleichheit

 

Zeit: Mittwoch, 26.06.2013: 15.00 – 17.00
Ort: UniS A-126
Organisator/en: Ralf M. Damitz und PD Dr. Oliver Neun
Chair: Tobias Eule

 

 

Beitrag 1:

Ungleichheits- und Krisendiagnostik als Charakteristika einer „öffentlichen Soziologie"

 

 

Referent/in: PD Dr. Oliver Neun
Organisation:

Universität Kassel

 

Abstract:

Die von dem amerikanischen Soziologen Michael Burawoy angestoßene Diskussion um eine „public sociology" bzw. „öffentliche Soziologie" ist erst mit einer gewissen Verspätung in der deutschsprachigen Soziologie rezipiert worden. Ein generelles Merkmal dieser Form der Soziologie ist jedoch, wie eine Analyse der meistverkauftesten amerikanischen soziologischen Werke nach 1945 durch Herbert Gans (1997) zeigt, die Beschäftigung mit drängenden gesellschaftlichen Fragen und insbesondere dem Problem der sozialen Ungleichheit. Eine Erklärung für den Erfolg der von ihm genannten Arbeiten ist deshalb nach Gans, dass sie auf das erstarkte Interesse innerhalb Bevölkerung an dieser Thematik reagiert haben.
Dieser inhaltliche Fokus ist jedoch nicht nur für die amerikanische „öffentliche Soziologie" charakteristisch. Ein Beispiel auf dem französischsprachigen Raum sind die späten Arbeiten Pierre Bourdieus, der in seinem Buch „Das Elend der Welt" ebenfalls das Thema der Exklusion behandelt und damit, wie die Verkaufszahlen der Untersuchung belegen, eine breitere Öffentlichkeit erreichen kann. Auch zeitgenössische deutschsprachige Autoren, die der „öffentlichen Soziologie" zuzurechnen sind wie Heinz Bude, haben sich thematisch mit dieser Frage auseinandergesetzt. Als jüngstes Beispiel wäre das Buch „0,1 Prozent" des Schweizer Soziologen Hans Jürgen Krysmanski zu nennen, der sich zudem – ebenso wie Bude – programmatisch für eine öffentliche Form von Wissenschaft ausgesprochen hat.
Populäre Krisendiagnosen sind für eine „öffentliche Soziologie" ebenfalls charakteristisch: Beispiele entsprechender Arbeiten aus den 70er Jahren sind Daniel Bells Werk „Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus", das ebenfalls auf der Liste von Gans steht, oder Jürgen Habermas' Zeitdiagnose „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus". Für die Gegenwart wäre auf die von Craig Calhoun herausgegebene Serie „From the Current Crisis to Possible Futures" zu verweisen, die bewusst zeitnah veröffentlicht wurde und in der neben der Analyse der derzeitigen Finanzkrise auch alternative Entwicklungsmöglichkeiten skizziert werden.
Dieser letzte Punkt ist ebenfalls eine generelle Eigenschaft der „öffentlichen Soziologie", da dort häufig die soziologische Problembehandlung mit einem normativen Anspruch verbunden ist und auch (politische) Vorschläge zur Lösung der aufgezeigten sozialen Probleme gemacht werden. Die Verkaufszahlen der soziologischen Werke können dabei als Indiz dafür gelten, dass sie damit auf ein breites gesellschaftliches Interesse stoßen.
Dieser Strang einer „öffentlichen Soziologie" jedoch, der auf eine lange Tradition zurückblicken kann, hat in der Soziologie der Gegenwart an Legitimation verloren. Durch die von Michael Burawoy angestoßene Diskussion um die Notwendigkeit einer „öffentlichen Soziologie" könnte sie wieder an Anerkennung gewinnen.

Bibliographie:

Neun, Oliver. 2013. Frühe öffentliche Soziologie. Daniel Bell und der Kreis der „New York Intellectuals". Wiesbaden: Springer VS (im Erscheinen).

[Habilitationsschrift]
Neun, Oliver. 2013. Der erste Schritt ist nicht genug. Die Rolle der DGS bei der Etablierung einer „öffentlichen Soziologie". In: Soziologie, Jg. 42, H. 1, S. 16-24.

Neun, Oliver. 2012. Die Rückkehr der Kritischen Theorie nach Deutschland. Die „New York Intellectuals" und das Konzept der „public sociology" nach Michael Burawoy. In: Sozialwissenschaften und Berufspraxis Jg. 42, H. 2, S. 179-194.

 

 

Beitrag 2:

»Öffentliche Soziologie« als Herausforderung professionsspezifischer Urteilskriterien.

 

 

Referent/in: Ralf M. Damitz
Organisation: Universität Kassel

 

Abstract:

Wer wüsste besser über die Entwicklung von Gesellschaften Bescheid als die Soziologie? Soziologinnen und Soziologen wissen, dass soziale Ungleichheit im Plural zu buchstabieren ist und dass entscheidende Ungleichheiten innerhalb der entwickelten Gesellschaften heutzutage (wieder) klar hervortreten. Wir können Mechanismen dafür benennen und solche Erscheinungen in historische Trends einordnen. Als Soziologinnen und Soziologen bemühen wir uns stets, die Heterogenität der zugrunde liegenden Lebenslagen im Auge zu behalten, wir reflektieren über alte und neue Erscheinungsformen von Ungleichheit und achten stets auf differenzierte Aussagen. Die Soziologie kann diesbezüglich nicht nur eine Vielzahl von belastbaren Methoden und Konzepten ihr eigen nennen, sie arbeitet zudem mit einer solchen Fülle von Daten, die in der Geschichte (nicht nur der Soziologie) wohl Ihresgleichen sucht. Die soziologische Beobachtung der Gesellschaft, so ließe sich kursorisch folgern, war noch nie so professionell ins Werk gesetzt, das Wissen über Gesellschaft, soziale Ungleichheiten und wahrnehmbare Entwicklungstrends noch nie so reichhaltig wie heute. Und doch wird ein daraus potenziell resultierender Optimismus getrübt: Was aber geschieht mit diesem Wissen? Welche gesellschaftliche Bedeutung oder Herausforderung können wir ihm zuschreiben?
Unter dem Label »Public Sociology« fand im anglophonen Raum eine hitzige Debatte über das Verhältnis der professionalisierten und institutionalisierten Wissenschaft Soziologie zur ihrer gesellschaftlichen Öffentlichkeit statt. Mit einiger Verspätung entwickelt sich nun auch im deutschen Sprachraum eine solche Diskussion. Sogar von einem »Öffentlichen Auftrag der Soziologie« (W. Streeck) ist bei manchem die Rede. Soziologie wird als Werkzeug öffentlicher Deliberation entdeckt, sie solle sich auf ihre kritisch-aufklärerische Tradition besinnen, damit in Opposition zum Mainstream der öffentlich verfügbaren Erklärungen gehen und der Gesellschaft Begriffe und Deutungsangebote zur Verfügung stellen, die Alternativen zu den üblicherweise gepflegten Semantiken gesellschaftlicher Selbstbeschreibungen darstellen. Die Soziologie könne in diesem Sinn die aktuellen Krisenerfahrungen (der Wirtschaft und der für sie zuständigen Theorien) nutzen, um sich selbst mit ihrem reichhaltigen Fundus an Erklärungen sozialer Prozesse in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit zu profilieren.
Dieser Beitrag greift die bisherige Rezeption der Debatte zur öffentlichen Soziologie auf und versucht mit drei Thesen zu begründen, warum die Stärkung einer öffentliche Soziologie zwar durchaus als Herausforderung für bestens eingespielte, professionsspezifische Urteilskriterien verstanden werden können, die zu diskutieren aber dennoch als lohnenswert erscheinen. Es geht dabei um folgende Schwerpunkte: Welche Bedeutung hat das Postulat der Werturteilsfreiheit für eine öffentliche Soziologie? Wie lässt sich die Relevanz gesellschaftlicher Probleme bemessen, wenn es nicht die »Peers« und »Konsistenzprüfungsmechanismen« des Wissenschaftsbetriebs selbst sind, die üblicherweise über (die fachinternen Kriterien für) Relevanz befinden? Mit welchen Adressierungsstrategien wird hantiert, um solch ein Wissen an den Mann oder die Frau zu bringen?

Bibliographie:

Damitz, R.-M. 2007. Prekarität. Genealogie einer Problemdiagnose, in:
Mittelweg 36, 16. Jg., 2007, Heft 4, S. 67-86.

Damitz, R.-M. 2013. Soziologie, öffentliche. In: Soziologische Revue,
Jg. 36, Heft 3 (im Erscheinen)

 

 

Beitrag 3:

Die Form der praktischen Debatte innerhalb der Tafelkritik - Öffentliche Soziologie im Kontext „Dritter Orte"

 

 

Referent/in: Prof. Dr. Stefan Selke
Organisation:

Hochschule Furtwangen

 

Abstract:

Die Praxis öffentliche Soziologie ist gegenwärtig durch unterschiedliche Versuche gekenntzeichnet, soziologische Analysen, empirische Forschungsergebnisse und Selbstdarstellungen von Soziolog-Innen medial zu vermitteln. Dies geschieht meist in kleinteiligen Formaten für fragmentierte Publika, um deren Gunst unter den Bedingungen einer fortgeschrittenen Aufmerksamkeitsökonomie und in Konkurrenz zu Deutungsangeboten von Nachbardisziplinen gerungen wird (Treibel/Selke 2012). Es gibt bislang hingegen wenig Versuche, durch komplexe öffentliche Veranstaltungen selbst heterogene Akteure zusammenzubringen.
Anknüpfend an die Idee „Dritter Orte", die dazu dienen sollen, polykontextuelle Debatten zu bündeln und neutrale Denk- und Diskursarenen eröffnen, bietet das 2012 gegründete „Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln" (http://www.aktionsbuendnis20.de) konkretes Anschauungsmaterial über die Form und Richtung einer Debatte, die Züge einer Öffentlichen Soziologie trägt.
Stefan Selke forscht seit 2006 zu Lebensmitteltafeln, die sich inzwischen als zivilgesellschaftliche Akteure etabliert haben (vgl. Literaturliste). Anlässlich des 20jährigen Bestehens der sog. Tafelbewegung wurde das Aktionsbündnis gegründet. Mitglieder sind Einzelpersonen (Armutsbetroffene, Wissenschaftler, Gewerkschaftler etc.) sowie Institutionen (Armuts- und Betroffenennetzwerke, Wohlfahrtsverbände, NGOs etc.). Ziel des Aktionsbündnisses ist es, anlässlich einiger Aktionstage eine Diskusssionsplattform zu bieten, um den affirmativen Präsentationen über die Tafelbewegung alternative Deutungskompetenz und Erfahrungswissen von Betroffenen entgegen zu setzen.
Inhalt des Beitrages sind die dabei genutzten konzeptionellen Werkzeuge öffentlicher Soziologie, deren Form, Wirkungsweise sowie nicht-intendierte Folgen. So wurden im Rahmen der Kampagnenstrategie drei kurze Filme produziert, eine Aktion im öffentlichen Raum durchgeführt (Stichwort: subversive Überaffirmation), eine sozialkritische Stadtrundfahrt mit Reisebussen orgsanisiert, sowie Beiträge von Schriftstellern, Künstlern und politischen Kabarettisten in das Programm integriert. Hinzu kommt eine weitreichende crossmediale Publikations- und Medienstrategie (Talkshoweinladungen, Interviews in Nachrichtenmagazinen, Radiosendungen).
Das Thema des Aktionsbündnisses besteht in den ausgeweiteten Zonen sozialer Ungleichheit in Wohlstandsgesellschaften, die symbolisch an den Tafeln festgemacht werden, die als „Signatur der Gegenwartsgesellschaft" verstanden werden. Zentrales Thema des korrespondierenden Debattenraumes ist das ambivalente Verhältnis zwischen der Erosion des Sozialstaates und der Zunahme armutsökonomischer Angebote (Schatten- und Mitleidsökonomie) in Verbindung mit bürgerschaftlichen Initiativen. Das mit dieser Debatte verbundene breite Meinungsspektrum ist auf die oftmals biografische sowie wert- bzw. weltanschauliche Fundierung persönlicher Engagementkarrieren einerseits und die (für Betroffene oft überraschende) Armutskarrieren andererseits zurück zuführen.
Die soziologische Kerndiagnose zu dieser Debatte geht von der Leitfrage aus, wie „das Gute" in der Form positiv bewerteter und sozial erwünschter Handlungen (Nächstenliebe, zivilgesellschaftliches Engagement, Corporate Social Responsibility etc.) idealtypisch durch Tafeln in einer Gesellschaft repräsentiert werden kann, während gleichzeitig Scham- und Aberkennungserfahrungen im Kontext neuer Armuts-, Schatten- und Mitleidsökonomien zugelassen und institutionalisiert werden. Wie lässt sich also die Gleichzeitigkeit einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz positiv konnotierter Aufwertungslogiken (für freiwilliges und ehrenamtliches Engagement) und negativ konnotierter Abwertungserfahrungen (durch schambesetzte Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse sowie Selbstexklusion von Armutsbetroffenen) erklären?
Diesem Spannungsverhältnis ist ein besondere Art öffentlicher Soziologie geschuldet, die sich in die Debatte selbst einmischt, deren Form mitgestaltet, dabei Haltung bezieht, gleichzeitig aber zum Ziel hat, die sich (eigentlich) ausschließenden dominanten affirmativen Präsentationslogiken der Tafelbewegung (in Politik, Wohlfahrtsverbänden, Wirtschaft und Medien und bei Tafeln selbst) sowie die eher marginalen Logiken von nicht-affirmativen Gegenpräsentationen (bei Betroffenenverbänden, Nichtregierungsorganisationen und innerhalb einer begleitenden Beobachtung der Tafelbewegung) integrativ innerhalb eines „Dritten Ortes" zusammen zu bringen und dabei auch neue Wege zu gehen und neue Formate zu erproben.

Bibliographie:

Selke, Stefan (2013): Schamland. Die Armut mitten unter uns. Berlin: ECON (erscheint im April)

Annette Treibel/Selke, Stefan (2012): Soziologie für die Öffentlichkeit – zwei Perspektiven. In: Soziologie. Forum der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Doppelbeitrag; Titel des Einzelbeitrages: Soziologie für die Öffentlichkeit. – Resonanzräume fragmentierter Publika. Heft 4, 398-421.

Molling, Luise/Selke, Stefan (2012): Tafeln und Altersarmut. In: Butterwegge, Christoph/Gerd Bosbach/Matthias W. Birkwald (2012) (Hg.), Armut im Alter. Probleme und Perspektiven sozialer Sicherung. Frankfurt a.M.: Campus, 267-280.

Selke, Stefan (2012): Die Rede von den "Sozial Schwachen" aIs Desinformationsstrategie. In: Mittendrin am Rande. Zeitschrift für Arbeit und soziale Gerechtigkeit, Heft: Soziale Arbeit – zwischen Menschenrecht und Ökonomisierung. 25, 12-13.

Selke, Stefan/Katja Maar (2011) (Hg.): Transformation der Tafeln. Aktuelle Diskussionsbeiträge aus Theorie und Praxis der Tafeln. Wiesbaden: VS.
Selke, Stefan (2011): Grenzen der Zivilgesellschaft. Die Tafel-Bewegung in Deutschland. In: POLIS. Report der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung. Heft 1/2011, 6-10.

Selke, Stefan (2010) (Hg.): Kritik der Tafeln in Deutschland. Standortbestimmungen zu einem am-bivalenten sozialen Phänomen. Wiesbaden: VS.

Selke, Stefan (2010): Dürfen Tafel-Engagierte kritisiert werden? Legitimation einer systemkritischen Position. In: Lorenz, Stephan (Hg.), TafelGesellschaft. Zum neuen Umgang mit Überfluss und Ausgrenzung. Bielefeld: Transkript, 185-198.

Selke, Stefan (2009) (Hg.): Tafeln in Deutschland. Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention. Wiesbaden: VS.

Selke, Stefan (2009): Die neue Armenspeisung: Der Boom der Tafel-Bewegung. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, 1, 95-100.

Selke, Stefan (2008): Fast ganz unten. Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmit-teltafeln satt wird. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot.

 

 

Plenumsveranstaltung A3: Ungleichheit und Integration – der Beitrag von Habitus und Bildungsorten

Plenumsveranstaltung A3:
A3 – Ungleichheit und Integration – der Beitrag von Habitus und Bildungsorten

 

Zeit: Mittwoch, 26.06.2013: 15.00 – 17.00
Ort: HG 106
Organisator/en: Lic. phil. Sibylle Künzli
Chair: Lic. phil. Sibylle Künzli

 

 

Beitrag 1:

 Bildungsorte an der ersten Schwelle – Potentiale und Chancen für die Zukunft?

 

 

Referent/in:  Lic. phil. Regina Scherrer
Organisation:

 Universität Zürich

Abstract:

Ausgehend von Bourdieus Konzept (Habitus & soziales Feld) kann deutlich gemacht werden: Wahrnehmung, Denken und Handeln sind je nach sozialem Ort der Akteur/innen in der Gesellschaft verschieden. Die ‚feinen Unterschiede' (Bourdieu 1982/2001) zeigen sich in allen Belangen und steuern den Bildungsverlauf. Bildungsinstitutionen sind als Orte ‚sozialer Spiele' zu verstehen und interessant sind Bildungsorte am Übergang an der ersten Schwelle. Darum fokussieren wir folgende Fragen: Inwieweit erleben Heranwachsende so genannte Brückenangebote als ‚differentielle Bildungsorte', die ihre Potentiale fördern bzw. ihnen Chancen eröffnen und wie deuten sie deren Einfluss auf ihre berufliche Zukunft?
Unter Einbezug quantitativer wie qualitativer Methoden (Triangulation) werden unterschiedliche Aspekte von Bildungsverläufen und Bildungsorten erforscht. Dazu werden Daten des längsschnittlich angelegten Kinder- und Jugendsurveys COCON herangezogen sowie Daten aus mit Jugendlichen durchgeführten Gruppenwerkstätten . Letzteres Verfahren, knüpft an herkömmliche Gruppen¬diskussionsmethoden an, erweitert diese jedoch um vertiefende und kreative Verfahrensschritte (vgl. Bremer 2004). Die Datenauswertung beruht auf quantitativ Analysen sowie dem Verfahren der typenbildenden Habitushermeneutik (vgl. Bremer/Teiwes-Kügler 2010).
Die Deutungsmuster der Jugendlichen weisen auf Phänomene der Selbstelimination hin, die weit zurück reichende, von der Schule ‚mitgeschriebene' Vorgeschichten haben: Im obligatorischen Schulbereich beginnende Abweichungen setzen sich fort und werden verfestigt. Unsere Analysen verdeutlichen, dass das soziale Feld Bildung ‚keine eigene Sphäre darstellt und nicht frei von Interessen ist' (vgl. Erler et al. 2011, 6): Bildungsorte an der ersten Schwelle wie Brückenangebote stellen für das (Aus-)Bildungssystem Problemlösestrategien dar. Sie unterstützen als Institutionen die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Gefüges mit seinen Verteilkämpfen und Positionierungen.

Bibliographie:

Bourdieu, Pierre. 1982. Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Bourdieu, Pierre. 2001. Wie die Kultur zum Bauern kommt. Über Bildung, Schule und Politik. Schriften zu Politik & Kultur 4, (herausgegeben von Margareta Steinrücke). Hamburg: VSA.

Bremer, Helmut. 2004. Von der Gruppendiskussion zur Gruppenwerkstatt. Ein Beitrag zur Methodenentwicklung in der typenbildenden Mentalitäts-, Habitus- und Milieuanalyse. Münster: LIT.

Bremer, Helmut & Teiwes-Kügler, Christel. 2007. Die Muster des Habitus und ihre Entschlüsselung. Mit Transkripten und Collagen zur vertiefenden Analyse von Habitus und sozialem Milieus. In: Friebertshäuser, Barbara & von Felden, Heide et al. (Hrsg.). Bild und Text. Methoden und Methodologien visueller Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft. Opladen/Farmington Hills: B. Budrich, 81-104.

Bremer, Helmut & Teiwes-Kügler, Christel. 2010. Typenbildung in der Habitus- und Milieuforschung: Das soziale Spiel durchschaubarer machen. In: Ecarius, Jutta & Schäffer, Burkhard (Hrsg.). Typenbildung und Theoriegenerierung. Methoden und Methodologien qualitativer Bildungs- und Biographieforschung. Opladen/Farmington Hills: B. Budrich, 251-276.

Erler, Ingolf & Laimbauer, Viktoria et al. 2011. Wie Bourdieu in die Schule kommt. Analysen zu Ungleichheit und Herrschaft im Bildungswesen. Innsbruck/Wien/Bozen: Studien (Schulheft 142).

Lange-Vester, Andrea & Teiwes-Kügler, Christel. 2006. Die symbolische Gewalt der legitimen Kultur. Zur Reproduktion ungleicher Bildungschancen in Studierendenmilieus. In: Georg, Werner (Hrsg.). Soziale Ungleichheit im Bildungssystem. Eine empirisch-theoretische Bestandsaufnahme. Konstanz: UVK, 55-92.

 

 

Beitrag 2:

Habitus- und milieuspezifische Zugänge zu Literalität – Lebens- und Lerngeschichten funktionaler Analphabeten in Deutschland 

 

 

Referent/in:  Prof. Dr. Helmut Bremer, Dipl.-Sozialwiss. Natalie Pape
Organisation:

 Universität Duisburg Essen

Abstract:

 Aktuellen Forschungsergebnissen der „leo. – Level-One Studie" zufolge gibt es in Deutschland 7,5 Millionen Menschen mit unzureichenden Lese- und Schreibkenntnissen (vgl. Grotlüschen/Riekmann 2012). Die Ursachen von funktionalem Analphabetismus werden bislang vor allem auf ungünstige biographische Verläufe und Schicksalsschläge zurückgeführt, die es den Betreffenden erschwerten, Schriftsprache zu erlernen und in den Alltag zu integrieren. Neu ist dagegen eine an Bourdieu angelehnte Betrachtungsweise, die berücksichtigt, dass Literalität als Teil des im Herkunftsmilieu erworbenen kulturellen Kapitals der habitus- und milieuspezifischen Sinnsetzung der sozialen Akteure unterliegt (Bourdieu 1982; 1987; Vester et al. 2001).
In dem Beitrag wird auf der Basis von über 20 leitfadengestützten Interviews aus dem aktuellen Promotionsprojekt von Natalie Pape der leitenden Forschungsfrage nachgegangen, über welche habitus- und milieuspezifischen Zugänge zu Literalität Teilnehmende an Alphabetisierungskursen verfügen.
Erste habitushermeneutische Analysen (Bremer 2001) deuten daraufhin, dass funktionaler Analphabetismus nicht lediglich als individuelles Schicksal, sondern als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Benachteiligung anzusehen ist.

Bibliographie:

Bourdieu, Pierre. 1982. Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Bourdieu, Pierre. 1987. Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Bremer, Helmut. 2001. Zur Theorie und Methodologie der typenbildenden Mentalitätsanalyse. Reflexion und Diskussion zweier empirischer Studien. 3. Teil der kumulativen Dissertation. Hannover.

Grotlüschen, Anke & Riekmann, Wibke (Hrsg.). 2012. Funktionaler Analphabetismus in Deutschland. Ergebnisse der ersten leo. – Level-One Studie. Münster et al.: Waxmann.

Vester, Michael & von Oertzen, Peter et al. 2001. Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

 

 

Beitrag 3:

Der Habitus von Lehrkräften als Beitrag zu Ungleichheit und Integration im Bildungsalltag 

 

 

Referent/in:  Dr. Andrea Lange-Vester, Dipl. Sozialwiss. Christel Teiwes-Kügler
Organisation:

 TU Darmstadt, Universität Duisburg-Essen

Abstract:

Bislang ist wenig erforscht, wie sich die soziale Herkunft von LehrerInnen auf ihr pädagogisches Selbstverständnis und ihre schulische Praxis auswirkt und in wie weit sie dadurch zur Reproduktion ungleicher Bildungschancen beitragen.
LehrerInnen sind in den letzten Jahren mit Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen konfrontiert worden, zu denen die Zunahme ethnischer Vielfalt im Schulalltag und eine höhere Bildungserwartung der Eltern gehören. Zugleich haben bildungspolitische Maßnahmen zu einer verstärkten Ökonomisierung des Schulsystems geführt. Wie unterschiedlich Lehrkräfte in diesem Spannungsverhältnis von Veränderung und Strukturreproduktion aufgrund ihres Habitus (Bourdieu 1982) agieren, ist ebenfalls kaum untersucht.
Nach unserer Hypothese differieren die Habitusmuster von LehrerInnen nach sozialer Herkunft einerseits zwischen den Schulformen, sind andererseits aber auch innerhalb einer Schulform sozialräumlich heterogen zusammengesetzt. Diese Heterogenität bestätigt auch die Untersuchung von Kampa u.a. (2011), die darüber hinaus allerdings vermuten, dass die soziale Herkunft für Berufsauffassungen und Unterrichtshandeln von Lehrkräften heute nicht mehr zentral ist. Dem widersprechen unsere Befunde aus Gesprächen mit Lehrpersonen und SchulleiterInnen unterschiedlicher Schulformen (vgl. Lange-Vester/Teiwes-Kügler 2013).

Bibliographie:

Bourdieu, Pierre. 1982. Die feinen Unterschiede. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Kampa, Nele & Kunter, Mareike et al. 2011. Die soziale Herkunft von Mathematik-Lehrkräften in Deutschland. In: Zeitschrift für Pädagogik (1), 70-92.

Lange-Vester, Andrea & Teiwes-Kügler, Christel. 2013. Habitusmuster und Handlungsstrategien von Lehrerinnen und Lehrern: Akteure und Komplizen im Feld der Bildung. In: Soeffner, Hans-Georg (Hrsg.). Transnationale Vergesellschaftungen. Verhandlungen des 35. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt am Main 2010. Wiesbaden: Springer VS, CD-ROM.

 

Plenumsveranstaltung A4: Bedingungsloses Grundeinkommen – eine neue Form sozialer Integration?

Plenumsveranstaltung A4:
A4 – Bedingungsloses Grundeinkommen – eine neue Form sozialer Integration?

 

Zeit: Mittwoch, 26.06.2013: 15.00 – 17.00
Ort: HG 201
Organisator/en: QualiZüri – Kompetenz und Vernetzung in der qualitativen Sozialforschung: Stephanie Kernich, Andrea Radvanszky, Mirjam Stoll, Susanne Keller
Chair: Andrea Radvanszky und Stephanie Kernich

 

 

Beitrag 1:

"Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!"
– Eine Maxime der protestantischen Arbeitsethik und ihre Aktualität

 

 

Referent/in: Prof. Dr. Peter-Ulrich Merz-Benz
Organisation:

Universität Zürich

 

Abstract:

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!" Die Erläuterung dieser Maxime ist geeignet, die Frage des bedingungslosen Grundeinkommens von einer bisher unbekannten Seite zu zeigen. Bisher wurde das bedingungslose Grundeinkommen in erster Linie unter sozialpolitischen und sozialreformerischen Gesichtspunkten diskutiert: als radikale Alternative zu einer Sozialpolitik nach dem Prinzip des Forderns und Förderns – als sozialreformerische Maßnahme zur Überwindung des Widerspruchs zwischen kollektiver und individueller Freiheit; gleiche Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Mitgestaltung auch für diejenigen, die für ihren Unterhalt auf den Ertrag abhängiger Erwerbsarbeit angewiesen sind. Der Ertrag dieser Diskussion hängt indes wesentlich davon ab, dass auch das thematisch wird, was in den einzelnen Begriffen und Argumenten gleichsam unerkannt mitschwingt.
Vordergründig gesehen ist die Maxime „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!" eine Sanktionsdrohung, basierend auf der impliziten Aufforderung, durch Arbeit zu seinem Lebensunterhalt bei¬zutragen. Recht verstanden bringt sie jedoch ein Ethos zum Ausdruck, eine bestimmte Art der Lebensführung. Aus ihr „spricht" die protestantische Arbeitsethik. Ausgehend von Max Webers einschlägiger Studie lässt sich zeigen, dass die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen mehr ist als eine Diskussion um Arbeitstugenden und die Mentalität kapitalistischen Arbeitens und Wirtschaftens. Zwar ist der von Max Weber beschriebene „Geist" des Kapitalismus, d.h. der psychologische Antrieb, in rastloser Berufsarbeit die Ungewissheit über das eigene Erwähltsein niederzukämpfen, längst aus unserer Einstellung zu Arbeit und Beruf entschwunden – nicht aber die von ihm ausgehende Zwanghaftigkeit. In unse¬rer Arbeitsauffassung steckt nach wie vor etwas Unbedingtes, eine absolute Bestimmung dessen, was Arbeit ist und zu sein hat – und ohne dies erkannt zu haben, kann die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen nicht geführt werden.

Bibliographie:

Neuendorff, Hartmut/Peter, Gerd/Wolf, Frieder O. (Hrsg.). 2009. Arbeit und Freiheit im Widerspruch? Bedingungsloses Grundeinkommen – ein Modell im Meinungsstreit. Hamburg: VSA.

Rätz, Werner/Krampertz, Hardy. 2011. Bedingungsloses Grundeinkommen – woher, wozu und wohin? Neu-Ulm: AG SPAK.

Straubhaar, Thomas (Hrsg.). 2008. Bedingungsloses Grundeinkommen und solidarisches Bürgergeld – mehr als sozialutopische Konzepte. Hamburg: Hamburg University Press.

Weber, Max. 1988. [Photomechanischer Nachdruck der 1920 erschienenen Erstauflage]. Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: Max Weber: Gesammelte Aufsätze zu Religionssoziologie I. Tübingen: J. C. B. Mohr (Siebeck).

 

 

Beitrag 2:

 Politische Gemeinschaft oder Arbeitsgesellschaft? Deutungsmuster zu Autonomie der Bürger, Solidarität und Gemeinwesen in der öffentlichen Diskussion um ein Bedingungsloses Grundeinkommen

 

 

Referent/in:  Dr. Sascha Liebermann
Organisation:

 Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft

 

Abstract:

Worum geht es in der Debatte um ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) und weshalb ist sie für die Soziologie interessant?
Der Vorschlag eines BGE sieht vor, dass ein Gemeinwesen seinen Bürgern und allen Personen mit dauerhafter Aufenthaltsberechtigung ein Einkommen bereitstellt – von der Wiege bis zur Bahre. Es soll nur an einen Status gebunden sein und nicht an eine Leistungsverpflichtung. Damit bricht das BGE mit den Maximen des Gerechtigkeitsentwurfs, wie er in den Systemen sozialer Sicherung gegenwärtigen Zuschnitts zum Ausdruck kommt. Sie gründen sich auf die normativ herausgehobene Stellung von Erwerbstätigkeit, von der andere Einkommensansprüche (Arbeitslosenversicherung, Pension oder Rente, Sozialhilfe) abgeleitet werden. Diese legitimatorische Stellung der Leistungen wird darin deutlich, dass Ansprüche zuvor erworben werden müssen oder die Bezieher dazu verpflichtet sind, eine Rückkehr in die Erwerbstätigkeit anzustreben (Sozialhilfe).
Der moderne demokratische Nationalstaat als politische Gemeinschaft gründet wesentlich auf zwei Prinzipien: Solidarität und Souveränität. Legitimationsquelle politischer Ordnung ist das Volk, der Staatsbürger. Die Souveränität des Volkes, seine bedingungslose Anerkennung, drückt sich darin aus, dass der Status des Staatsbürgers an keine Leistungsbedingung gebunden ist. Wäre damit, entgegen der vehementen Einwände, ein BGE nicht gerade im Einklang mit den Voraussetzungen demokratischer Gemeinwesen? Würde das BGE nicht in besonderem Maße die Solidarität zum Ausdruck bringen, in der ein demokratisches Gemeinwesen gründet? Könnte aus diesem Grund davon gesprochen werden, dass ein BGE eine konsequente Fortentwicklung des Sozialstaats im Geiste seiner politischen Verfasstheit darstellt?
Wie sind dann die Einwände einzuschätzen, die vorgebracht werden? Stehen sie nicht zu den Prinzipien des demokratischen Nationalstaats im Widerspruch? Besteht heute nicht eine Diskrepanz zwischen den konstitutiven Momenten demokratischer Gemeinwesen und ihrer Selbstdeutung als „Arbeitsgesellschaft"? Diesen Fragen möchte ich mich im Vortrag widmen und aufzeigen, dass die Diskussion um ein BGE eine Diskussion über das Selbstverständnis demokratischer Gemeinwesen ist. 

Bibliographie:

Butterwegge, Christoph. 2007. Grundeinkommen und soziale Gerechtigkeit. Aus Politik und Zeitgeschichte, 51, Dezember 17, 25-30.

Economie Suisse. 2012. Bedingungsloses Grundeinkommen? – Leider nein. Dossierpolitik No. 21, Oktober

Kappeler, Beat. 2011. Das bedingungslose Grundeinkommen ist unüberlegt, unliberal, asozial. Liberales Institut, http://www.libinst.ch/?i=bedingungsloses-grundeinkommen.

Liebermann, Sascha. 2010. Autonomie, Gemeinschaft, Initiative. Zur Bedingtheit eines bedingungslosen Grundeinkommens. Eine soziologische Rekonstruktion. Karlsruhe: KIT Scientific Publishing.

Liebermann, Sascha; Wehner, Theo. 2012. Schlaraffenland oder verwirklichte Bürgergesellschaft? Ein Interview zum bedingungslosen Grundeinkommen von Max Neufeind. Zürcher Beiträge zur Psychologie der Arbeit. Eine Schriftenreihe des Zentrums für Organisations- und Arbeitswissenschaften der ETH Zürich. Heft 1.

Neuendorff, Hartmut; Peter, Gerd; Wolf, Frieder O. (Hrsg.). 2009. Arbeit und Freiheit im Widerspruch? Bedingungsloses Grundeinkommen – ein erstrebenswertes Zukunftsmodell? Hamburg: VSA.

Offe, Claus. 2008. Basic Income and the Labor Contract. Basic Income Studies, 3 (1), Article 4

Pateman, Carole. 2008. Democracy, Human Rights and a Basic Income in a Global Era. paper presented to the 12th BIEN Congress, Dublin 20-21 June, http://www.cori.ie/

Strahm, Rudolf. 2012. Süßer Traum: das bedingungslose Grundeinkommen. infosperber, 12. Juni, http://www.infosperber.ch/Gesellschaft/Susser-Traum-Das-bedingungslose-Grundeinkommen.

WIDE. 2012. Aus Sicht der feministischen Ökonomie: Kritische Einwände zum bedingungslosen Grundeinkommen. Ein Diskussionspapier des WIDE-Debattierclubs.

 

 

Beitrag 3:

Das bedingungslose Grundeinkommen als gesellschaftliche Herausforderung –
Anerkennung, Widerstände und Lebensformen

 

 

Referent/in: PD Dr. Dietmar J. Wetzel 
Organisation:

Universität Bern 

 

Abstract:

Die kapitalistische Geldwirtschaft ist nicht erst durch die jüngste Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise in die Kritik geraten (Streeck 2011). Herkömmliches Wirtschaften verstärkt im Kontext eines flexiblen Kapitalismus die bestehenden Ungleichheiten gerade auch in der Schweiz eher als diese abzumildern (Mäder 2012). Durch zunehmende Prekarisierungsphänomene werden Teile der Gesellschaft in unsichere Lagen gebracht, was nicht ohne Auswirkungen auf die Lebensformen im „kulturellen Kapitalismus" (Neckel 2005) bleibt. Als Reaktion auf diese Missstände tauchen in jüngerer Zeit vermehrt ‚experimentelle' oder alternative Lebensformen im Übergang von einer Wachstums- hin zu einer Postwachstumsgesellschaft auf. Zu dieser Suche nach alternativen, also guten und gerechten Lebensformen für möglichst alle Gesellschaftsmitglieder, muss auch die Diskussion und die Initiative bezüglich des bedingungslosen Grundeinkommens gezählt werden (vgl. Lessenich 2009). Diese im Beitrag kritisch zu prüfende Idee steht scheinbar in einem starken Kontrast zu einer auf Leistung und Erfolg basierenden meritokratisch organisierten Wettbewerbsgesellschaft. Nur Leistungswillige sollen für ihre Anstrengungen belohnt werden. Alle anderen gelten als (potenziell) faul, untätig und dürfen insofern auch auf keine Be-/Entlohnung hoffen. In der Wettbewerbsgesellschaft haben jedoch nicht alle die gleichen Start- und Verwirklichungschancen, vielmehr werden häufig die bestehenden Ungleichheiten legitimiert und desintegrative Effekte in verschiedenen sozialen Feldern sind die Folge (Wetzel 2013). Aus Unzufriedenheit mit diesem ungerechten und viele benachteiligenden Umstand und nicht zuletzt um diesem entgegen zu wirken, wird seit geraumer Zeit die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens diskutiert (Wagner 2009). Der Vortrag beschäftigt sich aus einer diskurskritischen Sicht mit drei Themen: (1) Anerkennung, Arbeit und menschliche Würde (Gorz 1997; Wetzel 2010), (2) Widerstände (Economiesuisse 2012) sowie (3) Perspektiven und Alternativen: gute und gerechte Lebensformen (Jaeggi 2012). 

Bibliographie:

Economiesuisse. 2012. Bedingungsloses Grundeinkommen? Leider nein. http://www.economiesuisse.ch/de/PDF%20Download%20Files/dp21_grundeinkommen_print.pdf

Gorz, André. 1997. Arbeit zwischen Misere und Utopie. Edition Zweite Moderne. Hg. Von Ulrich Beck. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Jaeggi, Rahel. 2012. Glück, Freiheit, Rationalität. Überlegungen zum Gelingen von Lebensformen. In: Konrad Paul Liessmann (Hg.). Die Jagd nach dem Glück. Perspektiven und Grenzen guten Lebens. Wien: Zsolnay.

Lessenich, Stephan. 2009. Das Grundeinkommen in der gesellschaftspolitischen Debatte. Expertise im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn.

Maeder, Ueli. 2012. Soziale Ungleichheit. In: Stiftung Zukunftsrat (Hg.), Haushalten & Wirtschaften. Bausteine für eine zukunftsfähige Wirtschafts- und Geldordnung. Zürich. Rüegger.

Neckel, Sighard. 2005. Die Marktgesellschaft als kultureller Kapitalismus. Zum neuen Synkretismus von Ökonomie und Lebensform. In: Kurt Imhof und Thomas Eberle (Hrsg.): Triumph und Elend des Neoliberalismus, Zürich: Seismo.

Streeck, Wolfgang. 2011. The Crisis of democratic capitalism. In: New Left Review 71, September-October.

Wagner, Björn. 2009. Das Grundeinkommen in der deutschen Debatte. Leitbilder, Motive und Interessen. Diskussionspapier im Auftrag des Gesprächskreises Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn.

Wetzel, Dietmar J. 2010. Alterität, Intersubjektivität und Anerkennung – zwischen Theorie und Praxis. In: Claudia Czycholl et al. (Hg.), Zwischen Normativität und Normalität. Theorie und Praxis der Anerkennung in interdisziplinärer Perspektive. Essen: Klartext.

Wetzel, Dietmar J. 2013. Soziologie des Wettbewerbs. Eine kultur- und wirtschaftssoziologische Analyse der Marktgesellschaft. Wiesbaden: VS.

 

Plenumsveranstaltung A5: De la démocratisation à l'intégration ? Arts et politiques de la culture...

Plenumsveranstaltung A5:
A5 – De la démocratisation à l'intégration ? Arts et politiques de la culture en mutation / Von der Demokratisierung zur Integration? Kunst und Kulturpolitik im Wandel

 

Zeit: Mittwoch, 26.06.2013: 15.00 – 17.00
Ort: UniS A-122
Organisator/en: Prof. Dr. André Ducret (UNIGE), Lisa Marx (UNIGE), Dr. Olivier Moeschler (UNIL), Miriam Odoni (UNIGE), Dr. Valérie Rolle (UNIL), Natalie Schwarz (UNIL) 
Chair: Dr. Valérie Rolle et Miriam Odoni 

 

 

Beitrag 1:

Zwischen Infarkt und Verzauberung.
Kulturentwicklungen, Teilungen und Integration 

 

 

Referent/in: Prof. Dr. Hans-Peter Meier-Dallach 
Organisation:

Cultur prospectiv / World Drives Association und IB-Hochschule Berlin 

Abstract:

Der Beitrag betrachtet den Kulturprozess seit dem ersten grossen Mikrozensus über das Kulturverhalten in der Schweiz Ende der achtziger Jahre bis heute. Damals stand die Kultur zwar noch vor dem grossen digitalen Sprung, schwamm aber bereits schon im Überfluss von Angeboten: die „Kulturlawine" – siehe auch Knüsels „Kulturinfarkt". Die Kulturentwicklungen spiegelten drei Modelle. Einmal tauchte das Etikett Kultur in vielen Domänen auf, als „Füllsel" und Label-Modell der Kultur. Zur Kulturlawine führte aber das Investitionsmodell: Die Industriegesellschaft wurde verabschiedet; warum nicht in die Kultur als Ersatz der die Industrie, des moribunden Gewerbes, der Landwirtschaft investieren? Und das dritte Modell waren die Kultur-Utopien, das Missionsmodell: Kultur war kontestativ, kritisch, engagiert, aktionistisch.
Der Beitrag will aber auch das sprunghafte Wachstum nach dem digitalen Quantensprung aufnehmen und die qualitativen Veränderungen der Kultur deuten. Im Vordergrund steht der Spannungsbogen mit dem Triumph der virtuell getriebenen Kultur auf der einen Seite und den Tendenzen zur (Wieder-)Verzauberung, Schaffung von Abgrenzungen, Distinktion und Inseln, auf der anderen Seite. Das Übermass an Möglichkeiten und Angeboten von Kultur lässt heute zwei entgegengesetzte Pole entstehen. Zum einen Tendenzen zur Implosion: eine Avant-Garde der medialen virtuellen Kultur, eine neue Form der Kulturindustrie (Adorno), eine „Multiplex-Kultur" die entzeitlicht und enträumlicht, mit infarktähnlichen Symptomen und kulturellen „Burn-Outs". Am anderen Pol Bedürfnisse und Leitwerte einer authentischen Kultur, die auf klassische, traditionelle, auf ultimative oder neue Werte rekurrieren: Zunächst als Arrière-Garde wahrgenommen, gelingt dieser Kultur die Wiederverzauberung; die Rückkehr zum Genius loci, Entschleunigung, Hang zur Eremitage und Askese werden zu Bewegungen in der Kultur.
Kultur wird im Spektrum dieser Skala zur Quelle neuer Grenzen und Teilungen in der Gesellschaft, z.B. zwischen den Generationen, einheimischer und immigrierter Bevölkerung, sozialen Schichten, Metropolen, Stadt und Land. Die neue Dynamik der Kultur bietet aber auch Chancen der Kommunikation und Integration, die frühere lokale, nationale und internationale Grenzen radikal überschreiten. 

Bibliographie:

Ducret, André, Moeschler, Olivier (Hrsg.). 2011. Nouveaux regards sur les pratiques culturelles. Paris: L'Harmattan (Coll. Logiques sociales).

Fröhlich, Gerhard, Rehbein, Boike. 2009. Bourdieu – Handbuch. Stuttgart und Weimar: Verlag J.B. Metzler.

Haselbach, Dieter, Klein, Armin, Knüsel, Pius, Optiz, Stephan. 2012. Der Kulturinfarkt. Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. München: Knaus Verlag.

Lipp, Wolfgang (Hrsg.). 1987. Kulturpolitik : Standorte, Innensichten, Entwürfe, Berlin: Reimer Verlag (Schriften zur Kultursoziologie, Bd. 11, Tagung 'Kulturprozesse, Kulturpolitik"; s. darin auch: Meier-Dallach, Hans-Peter, „Weltweite Kulturprozesse – weltbürgerliche Politik", S. 297-334).

Meier-Dallach, Hans-Peter, Gloor, Daniela. Hohermuth, Susanne, Nef, Rolf. 1991. Die Kulturlawine: Daten, Bilder, Deutungen. Chur und Zürich: Verlag Rüegger.

 

 

Beitrag 2:

Die gesellschaftliche Organisation von Kunst :
Markt und Staat – private und öffentliche Wirkungsbereiche

 

 

Referent/in: Prof. Dr. Tasos Zembylas
Organisation:

Universität f. Musik u. darstellende Kunst (Wien)

Abstract:

Als voraussetzungsvolle Tätigkeit und als Katalysator von sozialen Interaktionen sind Kunstproduktion und -präsentation eingebettet in den globalen Rahmen, den SoziologInnen als „Gesellschaft" bezeichnen. Kunst unterliegt daher trotz beobachtbarer Autonomisierungstendenzen dem Einfluss anderer gesellschaftlicher Sphären – vor allem der Politik. Es gibt keinen historischen Fall, bei dem Staatsgebilde kulturpolitisch nicht aktiv waren und keinen Einfluss auf die Produktion, Distribution, Präsentation und Vermittlung symbolischer Güter genommen hätten.
Kulturpolitik umfasst zudem die politische Gestaltung marktförmiger Tauschbeziehungen im Kunst-sektor. Das heißt, der Staat kann als Ermöglicher von Kulturmärkten gesehen werden. Gleichzeitig ist er (insb. in kontinentaleuropäischen Ländern) als Verwalter von Kulturgütern und Eigentümer von Kulturorganisationen auch ein Marktteilnehmer. Es ist also davon auszugehen, dass Staat und Markt bzw. die verschiedenen Formen der Ressourcenallokation, der Organisation und Bewertung von künstlerischen Prozessen nicht konträre, sondern interdependente Formen sind. Eine solche Inter-dependenz kann mannigfaltig sein und die reale Kulturpolitik, d.h. die Art und Intensität der staatlichen Eingriffe verändert sich parallel zu den politischen Systemen und Staatskonzepten. Die Gründe für kulturpolitische Veränderungen können sowohl pragmatischer als auch ideologischer Natur sein.
Diese skizzierte gesellschaftliche Einbettung der Kunst impliziert, dass Kunst simultan mehrere Funktionen erfüllt: Sie kann zugleich ein Symbol für Zweckfreiheit sein und trotzdem in einem Meer von divergierenden Interessen schwimmen. Sie kann eine Systemkritik artikulieren und zeitgleich in einem bestimmten Zusammenhang systemstabilisierend wirken. Diese Kontextgebundenheit der Kunst erzeugt eine gewisse Kontingenz, die uns herausfordert, Verallgemeinerungen und theorie-geleitete Thesen mit einem kritischen Blick zu „lesen": Die reale Welt, in der Kunst zu Hause ist, ist nicht nur polyphon, sondern auch polyvalent. Daher will ich in meiner Präsentation die Variabilität und Differenz der Kontexte, in welchen Kunst erscheint, behandeln und sie für die soziologische Analyse der Kunst nutzbar machen.

Bibliographie:

Alexander, Jeffrey 1987. „Action and its Environments", in ders. et al. (Hrsg.): The Micro-Macro Link. Berkeley: University of California Press

Boltanski, Luc, Thévenot, Laurent 2007. Über die Rechtfertigung: eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Hamburg: Hamburger Edition

Korinek, Karl, Holoubek, Michael1993. Grundlagen staatlicher Privatwirtschaftsverwaltung. Graz: Leykam

Luhmann, Niklas. 1983 (1969). Legitimation durch Verfahren. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

Toulmin, Stephen. 1964. The Uses of Argument. Cambridge: Cambridge University Press

Zembylas, Tasos 2004. Kulturbetriebslehre. Begründung einer Inter-Disziplin. Wiesbaden; VS-Verlag für Sozialwissenschaften

Zembylas, Tasos 2005. „Fairness und Verfahrensstandards in der Kunst- und Kulturverwaltung", in ders. (Hrsg.). Der Staat als kulturfördernde Instanz. Innsbruck: Studien Verlag

 

 

Beitrag 3:

Culture pour tous, culture pour chacun, culture pour personne ?
Politiques culturelles, sociologie des arts et la « désautonomisation » de l'art 

 

 

Referent/in: Dr. Olivier Moeschler
Organisation:

Université de Lausanne

Abstract:

Ces dernières décennies, les arts et la culture ont radicalement changé de visage. Démocratisation, individualisation, massification de la création et des pratiques, technologisation des produits et des canaux, remise en question des prescripteurs traditionnels et redistribution de l'expertise ont changé la donne. Ces bouleversements coïncident avec un double changement dans les politiques culturelles comme, à un autre niveau, dans l'analyse sociologique des arts.
En tant qu'entreprises collectives de stabilisation du cadre de la création, diffusion et réception des œuvres, les politiques culturelles revêtent une importance fondamentale. Elles ont traversé des mutations profondes. De simples mesures de subvention d'institutions considérées comme légitimes en soi, les politiques culturelles inscrivent aujourd'hui les arts et la culture au cœur du tissu sociétal, en attendant un « retour sur investissements » en termes économiques, de marketing urbain, de cohésion voire d'animation sociale. En parallèle à ce processus, la sociologie des arts a elle aussi changé : les « diagnostics culturels » assignant à l'art une position extérieure, que ce soit comme refuge ultime de la critique ou en tant que support opaque de distinction, ont fait place à un paradigme de « l'art dans la société » (Nathalie Heinich), prônant un « repeuplement » délibérément a-critique des mondes de l'art et de leurs multiples intermédiaires et « médiations ».
Cette « désautonomisation » de l'art apporte de possibles écueils, mais aussi des potentiels inattendus. Si l'on constate un gain tant analytique que politique indéniable, dans le sens d'un rapprochement d'avec les pratiques ordinaires, on peut craindre une perte de ce qui faisait précisément, au moins depuis l'autonomisation des champs concernés, la spécificité de l'art : la distance, l'écart, le « jeu » de la création, éminemment fertile et échappant à toute instrumentalisation. Cet exposé se propose de documenter et de comprendre ces deux transformations concomitantes et de réfléchir aux défis qu'elles dessinent, pour les arts et la culture comme pour leur analyse par les sociologues.

Bibliographie:

Adorno, Theodor W. 1989 (1970). Théorie esthétique. Paris : Klincksieck.

Becker, Howard S. 1988 (1982), Les Mondes de l'art, Paris : Flammarion.

Bourdieu, Pierre. 1992. Les Règles de l'art. Genèse et structure du champ littéraire. Paris : Seuil.

Castoriadis, Cornelius. 1977. « L'imaginaire : la création dans le domaine social-historique », in Domaines de l'homme – Les carrefours du labyrinthe II, Paris : Seuil, pp. 219-237.

Ducret, André, Moeschler, Olivier (éd.). 2011. Nouveaux regards sur les pratiques culturelles. Paris: L'Harmattan (Coll. Logiques sociales).

Heinich, Nathalie. 2002. La sociologie de l'art. Paris : La Découverte (Coll. Repères).

Hennion, Antoine. 2007. La passion musicale. Une sociologie de la médiation. Paris : Métailié (Coll. Sciences humaines).

Moeschler, Olivier. 2011. Une politique culturelle en action: l'Etat, les professionnels, les publics. Lausanne : PPUR (Coll. Le Savoir suisse).

Rochlitz, Rainer. 1994. Subversion et subvention. Paris : Gallimard.

 

Plenumsveranstaltung A6: Ambiguities of Inequality and Injustice in Modern (Migration-)Societies

Plenumsveranstaltung A6:
A6 – Ambiguities of Inequality and Injustice in Modern (Migration-)Societies

 

Zeit: Mittwoch, 26.06.2013: 15.00 – 17.00
Ort: HG 101
Organisator/en: Prof. Dr. Thomas Geisen
Chair: Benedikt Hassler

 

 

Beitrag 1:

Endangering inequality: Law and forgiveness in the age of genocide 

 

 

Referent/in: Prof. Dr. em. Alastair Davidson
Organisation: Monash University, Australia

Abstract:

Forced migration is often the result of war or crimes against humanity such as mass murder and deportation. In this context, inequality refers to the distinction between those who have committed the crimes and those who have suffered or fled them. Since 1973, societies have tried to solve this problem by implementing truth and reconciliation commissions, usually set up after popular revolutions had overthrown former regimes. The motives for these crimes were that the victims were different from their oppressors, usually ethnically, often religiously, frequently politically or ethically. The slaughters took place on every continent, in tyrannical states but also in so-called democracies. The basic idea behind the truth and reconciliation inquiries is that the cycle of oppression and violence, revenge and counter-revenge, can only be ended and social harmony between old enemies be established if the truth of what was done to victims is told and recognised by all. Our attention is thus finally forced onto what is the real dilemma of our time: dreadful crimes against humanity are common and the numbers of people at least tacitly complicit in their commission is too great for all to be punished after due process. If there are too many people involved in such crimes for traditional justice to be done by courts, then millions of criminals must be allowed to "get away with it". If we are not prepared to allow an endless vengeful slaughter as retribution is meted out "from below", in defiance of state monopoly of the rule of law in order to attain some justice, then we have to find some other human solution. There is evidently some limit to law and what it can do to achieve justice. This paper suggests what that limit has been shown to be and what its most fruitful innovations have been. It then considers whether "forgiveness" is any better a solution. What could forgiveness mean and what will be required if it is to be more than an utopian fantasy?

Bibliographie:

Davidson, Alastair. 1994. Citizenship, Sovereignty and the identity of the Nation State. In James ,Paul (ed.). Critical Politics From the Personal to the Global. Arena: Monash University

Davidson, Alastair. 1997. From Subject to Citizen. Australian Citizenship in the Twentieth Century. Cambridge: Cambridge University Press

Davidson, Alastair. 1998. The Citizen who does not belong Multiculturalism, Citizenship and Democracy. In: J. L. Alves (ed.). Etica e Futuro da democracia. Lisbon: Colibri SPF

Davidson, Alastair and Stephen Castles. 2000. Citizenship and Migration. Globalisation and the Politics of Belonging. London. MacMillan

Davidson, Alastair. 2000a. Fractured Identities: Citizenship in a Global World. In Vasta, E. (ed.). Citizenship, Community and Democracy. Basingstoke: St Martins

Davidson, Alastair. 2007. National Identity and Global Migration: Listening to the "Pariahs". In: Brown, Nicholas and Cardinal, Linda (eds.). Managing Diversity Practices of Citizenship. Ottawa: University of Ottawa Press

Davidson, Alastair. 2012. The Immutable Laws of Mankind: The Struggle for Universal Human Rights. Dordrecht/London/ New York: Springer

 

 

Beitrag 2:

Embodying inequality: Communities and social inequality 

 

 

Referent/in: Dr. Roger Green
Organisation:

Goldsmiths, University of London, UK

Abstract:

Across Europe the capitalist economic crisis is having a socially corrosive effect. Far right political parties are on the rise, as is both mass migration and attacks on migrants; poverty and social marginalisation among groups such as the Roma and those deemed to be the 'other' are rising, as is unemployment, particularly among young people; workers are subjected to cuts to wages and working hours, and the retired face pension reductions. Government policies have failed to bridge the inequality gap; much of Western Europe remains deeply unequal and social class is still a major determinant of life chances. What is the role of academics, particularly sociologists, and universities in challenging this rising social inequality? This paper will describe a participatory action research (PAR) project between community organisations, voluntary organisations and charities (all NGOs) working with some of London's migrant, refugee and asylum seeker groups, and other communities experiencing social and economic inequality and deprivation, and Goldsmiths College (GC). Using a combined Fals-Borda and Freirean theoretical approach, I sought to understand the impact on London NGOs of the UK Coalition government's economic austerity programme and how GC might begin to improve its community engagement with these communities. The findings highlighted the possibilities for universities and communities to work more closely together on social inequality issues affecting London's ethnically and culturally diverse communities, particularly new and emerging migrant groups and communities. Building trust between academics and the community is an important way in which we can be part of the movement for a more cohesive and co-operative society.

Bibliographie:

Green R. 2008. Bringing about social change: The role of community research, in Cox P., Geisen T. & Green R. (eds.). Qualitative Research and Social Change, Palgrave Macmillan: Basingstoke, UK.

Green R. 2009. in collaboration with Whittle S., Waughray A. & the Anti-Caste Discrimination Alliance, Hidden Apartheid – Voice of the Community. Caste and Caste Discrimination in the UK. A Scoping Study: Anti-Caste Discrimination Alliance.

Green R. 2013. 'Working Together' Engaging with London's Voluntary and Community Sector: A Community Scoping Study, Goldsmiths College, University of London.

Harvey D. 2010. The Enigma of Capital: and the Crises of Capitalism, Profile Books: London.

Wilkinson R. & Pickett K. 2009. The Spirit Level. Why Equality is Better for Everyone, Penguin Books: London.

Young J. 2007. The Vertigo of Late Modernity, Sage: London.

 

 

Beitrag 3:

Emerging inequality: The production of difference by migration 

 

 

Referent/in: Prof. Dr. Thomas Geisen
Organisation:

University of Applied Sciences and Arts Northwestern Switzerland

Abstract:

Inequality is a central principle of modern society. It refers not to differences between individuals but to differences in positions and roles in the social division of labour. The existence of social and political power structures means that the creation of social order becomes a process of legitimation for those structures – inequality becomes an inequality of values. Political equality is a minimum prerequisite for social participation, above all in relation to matters of social security and equality of opportunity. Social inequality describes a situation in which people are disadvantaged because of individual and or social characteristics, such as their social origins (class); their descent (race); or their sex (gender). These axes of difference are seen as violations of equality because, in them, the modern systems of social power are put into practice and reinforced against the promises of equality. Out of this a specific constellation of problems arises in the context of migration. Here, the issues are not only the multiple political inequalities that result from difference in rights – due, for example to lack of citizenship or to the special status of foreign nationals and asylum seekers – but also multiple forms of discrimination against a social cultural type, for example racism, sexism or religious discrimination. Therefore, the problematic of inequality involves not only the relationship between equality and inequality, but also the question of freedom and justice in modern societies. Starting with these reflections, the paper will address the following questions: What meaning do notions of equality and inequality have in relation to migration? To what extent have these concepts found their place in theories of migration? What dimensions of inequality/equality are relevant to the particular context of migration?

Bibliographie:

Geisen, Thomas. 2012. Arbeit in der Moderne. Ein dialogue imaginaire zwischen Karl Marx und Hannah Arendt. Wiesbaden: VS Verlag.

Geisen, Thomas. 2012a. Understanding Cultural Differences as Social Limits of Learning: Migration Theory, Culture and Adolescence. In: Bekerman, Zvi/Geisen, Thomas (Eds.): International Handbook of Migration, Minorities, and Education. Understanding Cultural and Social Differences in Processes of Learning. Dordrecht: Springer Science+Business Media B.V. 19-34.

Geisen, Thomas/Studer, Tobias. 2011. Culture matters! Zur Bedeutung von Kultur im Kontext von Migration. In: Gruber, Bettina/Rippitsch, Daniele (Hrsg.): Migration. Perspektivenwechsel und Bewusstseinswandel als Herausforderung für Stadt und Gesellschaft. Jahrbuch Friedenskultur 2011. Klagenfurt: Drava Verlag. 15-33.

Geisen, Thomas. 2010. Fremdheit, Entfremdung und Kultur. Zur Bearbeitung von Fremdheit im Kontext von Migration. In: Baros, Wassilios/Hamburger, Franz/Mecheril, Paul (Hrsg.): Zwischen Praxis, Politik und Wissenschaft. Die vielfältigen Referenzen Interkultureller Bildung. Berlin: Regener Verlag. 60-79.

Geisen, Thomas. 1996. Antirassistisches Geschichtsbuch. Quellen des Rassismus im kollektiven Gedächtnis der Deutschen. Frankfurt am Main: IKO-Verlag.

 

Plenumsveranstaltung A7: The Trap of Alienation: Theoretical, Real, or Virtual?

Plenumsveranstaltung A7:
A7 – The Trap of Alienation: Theoretical, Real, or Virtual?

 

Zeit: Mittwoch, 26.06.2013: 15.00 – 17.00
Ort: HG 114
Organisator/en: Dr. Andrew Blasko
Chair: Debra Hevenstone

 

 

Beitrag 1:

Plantation, Humiliation, and Alienation: The Dialectic of Inequality in the State of Exception 

 

 

Referent/in: Dr. Marvin Prosono 
Organisation:

Missouri State University 

 

Abstract:

Globalization and corporatization, coupled with the march of empire, have been interpreted as central to the increase in economic and social inequality throughout the world over the past forty years. We are now witnessing the re-establishment of the plantation as it had evolved from early civilization, but without formal slavery, as a major tactic used by those who would further along and profit from such inequality. This paper suggests that while it is possible to dispense with the legal forms of plantation, the emotional and social forms of plantation are reproduced today in terms of humiliation, which comprises an attempt to humble democratic multitudes to their pre-democratic powerlessness. Furthermore, although the basic structure of plantation emerged in a rural setting, it has now been harnessed to all forms of contemporary production. The discussion asserts that humiliation is a major and mostly unacknowledged factor in the tensions that presently exist in production and between classes, peoples, and nations. This paper utilizes the work of Agamben, Hardt, Negri, and Zizek, among others, as it explores the role that the concepts of plantation and humiliation still play in present human relations. A state of exception provides the rationale needed for justifying such an historical reversal. Following on the humiliation of losing important ground, alienation becomes an important factor moving multitudes in much the same way it did when the early struggles for human worth and autonomy were fought. In this regard we both must consult and amend the role that alienation played for Marx. Plantation, humiliation, and alienation have indeed long existed in a dialectical relation with each other that has lost none of its relevance.

Bibliographie:

Agamben, Giogio (2005) State of Exception, trans. Kevin Attell. Chicago: University of Chicago Press.

Hardt, Michael and Antonio Negri (2008) Reflections on Empire. Cambridge, UK: Polity.

Zizek, Slavoi (2008) In Defense of Lost Causes. London: Verso.

 

 

Beitrag 2:

Integration, Manipulation, Alienation 

 

 

Referent/in: Dr. Andrew Blasko 
Organisation:

European Polytechnical University 

 

Abstract:

 The general issue addressed in the present discussion concerns the ways in which human interaction is determined by forces, processes, and media apparently beyond the voluntary control of individuals. The particular focus in this regard is the medium of power as it can be found not only in political systems, but in all interaction systems. It is argued that the exercise of power tends to result in the occurrence of particular types of interaction that have a significantly higher degree of probability than others. This in turn leads to the emergence of specific types of meaning that further propagate power and facilitate its exercise. Another aspect of the ubiquitous presence of power in human interaction is alienation, which expresses itself in its influence upon relation to self, the operations of the imagination, perception, and cognition, as well as possibilities for future action on the part of individuals so affected. Alienation from self and from others is examined as an immediate consequence of the subjection of individual interaction in all its forms to power relations. This results in social life operating with a determining causality to the degree that social integration today constitutes subjection to power, the restriction or reduction of alternative ways of thought and action, and the perpetuation and expansion of alienation in both subjective and objective forms. In addition, the exercise of power within interaction systems leads to a significant restriction in the operation of the sociological imagination.

Bibliographie:

Mills, C. Wright (1959) The Sociological Imagination. London: Oxford University Press.

Honneth, Axel (2007) Reification. Oxford: Oxford University Press.

Stiegler, Bernard (1994-2001) La technique et le temps. Paris: Galilée/Cité des sciences et de l'industrie. Translated by Richard Beardsworth and George Collins (1998-2009) Technics and Time. Palo Alto, CA: Stanford University Press.

Goffman, Erving (1967) Interaction Ritual: Essays on Face to Face Behavior. Garden City, NY: Anchor.

 

 

Beitrag 3:

The Tattooed and Pierced Self – Alienated or Reintegrated? 

 

 

Referent/in: Dr. Vessela Misheva
Organisation:

University of Skövde

Abstract:

The 21st century presents new challenges to alienation theory and research, and it brings into focus one form of alienation in particular, namely, alienation from self. The claim is put forward that the growth of inequality in the modern world has created a crisis of socialization, of which the main expression is the growing difficulty in establishing a relation to self and becoming socially integrated. The effort to overcome alienation and establish a relation to the primary or sensual self (the skin ego) is here identified as the driving force behind the new and puzzling practices among youth that are known as "body modifications." Customizing one's own skin, which is equated to customizing one's own self, has been wrongly interpreted in the literature as a form of "self-injury" or "self-sabotage." The paper appeals for the need to transfer this problematic from the field of socio-psychological pathology to the field of alienation theory. This change in approach provides a better opportunity for identifying the practice of body modification as a youth movement with a revolutionary character insofar as it combats social inequality. Tattooing and piercing practices, which have become markers that distinguish entire generations, eliminate the visible markers of inequality between classes, education groups, genders, ethnicities, and races which have been attached to the bodies of modern men by a role-playing consumer society.

Bibliographie:

Anzieu, Didier (1989) The Skin Ego. New Haven: Yale University Press.

Strohecker, David Paul (2011) "Towards a Presocial Conception of Contemporary Tattooing: The Psychological Benefits of Body Modification." The Rutgers Journal of Sociology. Mind, Body, and Society, vol. 1.

Bendle, Mervin (2004) "In the Flesh: The Cultural Politics of Body Modification." Journal of Sociology, no. 40.